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Jahrhundert wie Jahrtausend

Dass das dritte Jahrtausend am 1.1.2001 beginnt, ist natürlich keine neue Erkenntnis, so lange man keine historischen oder gefühlsmäßigen Unterstellungen in eine einfache mathematische und chronologische Tatsache hineinkonstruiert. Und was dem Jahrtausend recht ist, ist dem Jahrhundert billig.

In der 7.Auflage von Meyers Lexikon (Bd. VI, Sp. 205) liest man unter dem Stichwort "Jahrhundert" (und deshalb ist im Text "Jahrhundert" mit J. abgekürzt) :

"Das erste J. einer Zeitrechnung beginnt mit dem Jahr 1 und schließt mit dem Jahr 100; das 20.J. hat mit dem 1.Jan.1901 begonnen. In der Praxis beginnt man ein neues J. jedoch meist am 1. Jan.1600, 1700, 1800, 1900 zu zählen."

Die Zeitschrift "Esperanto aktuell" des Deutschen Esperanto-Bundes (19, 1/2000, p.19) erinnert an ein interessantes Vorkommnis aus Kaisers Zeiten, das hier im Esperanto des Originals und meiner deutschen Übersetzung mit Wissen der Redaktion wiedergegeben sei:

'La amaskomunikiloj faris el kelkaj nuloj grandan fenonenon: novan jarmilon! Chu vi ankaü pri tio chagrenighis? Oni devas laüdi la lokon Staffelstein, kiu spite al la ordono de imperiestro Wilhelmo la IIa festi la jaron 1900 kiel komencon de nova jarcento tion rifuzis. Nun Staffelstein sekvis al tiu historia agado kaj nur en la jaro 2001 festos la novan (veran) jarmilon.'

Zu Deutsch: "Die Massenmedien machten aus einigen Nullen ein großes Phänomen: ein neues Jahrtausend! Ärgern Sie sich darüber auch? Man muß die Stadt Staffelstein loben, die es trotz des Befehls von Kaiser Wilhelm II ablehnte, das Jahr 1900 als Anfang eines neuen Jahrhunderts zu begehen. Jetzt folgte Staffelstein dieser historischen Handlung und wird erst im Jahr 2001 das neue (wahre) Jahrtausend feiern."

Dieser Notiz folgen, auf unsere Jahrtausendwende bezogen, drei Äußerungen bekannter Esperantisten, die alle drei gleicher Meinung sind und ebenfalls in beiden Sprachen angeführt seien:

'Kvankam multaj (prave) insistas ke la jaro 2000 ne uverturas la trian jarmilon, nur fermas la duan, sendube la fakto ke la jarindiko ekde nun komencighos per la cifero 2, havos ian psikan efikon ...' (Vilmos Benczik /Hungario)

Zu Deutsch: "Obgleich viele (zu Recht) darauf bestehen, dass das Jahe 2000 nicht die Ouvertüre des dritten Jahrtausends ist, nur das zweite beschließt, hat ohne Zweifel die Tatsache, dass das die Jahresangabe von nun ab mit der Ziffer 2 beginnt, irgendeine psychische Wirkung ..." (Vilmos Benczik / Ungarn)

'Mi ne atendas grandegajn shanghojn, vere signifajn por daüra felichigo de la homaro, en 2000, aü ech en 2001, kiam vere nova jarcento komencighos.' (Marjorie Boulton / Britio)

"Ich erwarte keine gewaltigen Änderungen, die wirklich bedeutsam sind für eine dauernde Beglückung der Mensch- heit im Jahr 2000, noch sogar 2001, wenn das neue Jahrhundert wirklich beginnt." (Marjorie Boulton / Britannien)

'La jaron 2000 ni povas interpreti per la cerbo kaj per la koro. Por la cerbo, ghi estas nur la fino de la 20-a jarcento ... Por la koro, evidentighas la grava shangho ke 19 cedas sian lokon al 20: forpasas la dekada serio kaj fulmas dudekada!...' (Geraldo Mattos / Brazilo)

" Das Jahr 2000 können wir interpretieren mit dem Hirn und mit dem Herzen. Für das Gehirn ist es nur das Ende des 20. Jahrunderts... Für das Herz offenbart sich die bedeutende Änderung, das die19 nun ihre Stelle der 20 abtritt: die Serie der Zehner geht zu Ende und die der Zwanziger scheint auf" (Geraldo Mattos / Brazilo)

Diese Beiträge aus der deutschen Esperanto-Zeitschrift, die ich erst jetzt gelesen habe, nachdem meine Erörteung mit dem gleichen Kompromiss zwischen "Herz und Hirn" seit Monaten im Internet steht, ohne dass ich es so schön ausgedrückt habe, illustrieren diese Dialektik.

Noch viel später, im Dezember 2006, habe ich in den unvergleichlichen "Briefen aus der Hauptstadt" von Alfred Kerr (1867- 1948) im Brief vom 24.12.1899 gelesen: "So wird ein ungeheures Schlemmen am Ende des Jahrhunderts losgehen. Es sind die letzten Weihnachten vor dem zwanzigsten Säkulum - trotz aller besseren Weisheit der Mathematiker und Logiker. Auch die Regierung hat das verfügt; zunächst weil es gegen die Logik ist: dann weil es dem Volksgefühl geläufiger erscheint, daß mit neunzehnhundert auch ein neues Jahrhundert anbricht. Wir sagen ja auch: die Sonne geht auf, und wissen doch, daß nur diese tänzerische Erdkugel um sie herumwackelt - während die Sonne in Ewigkeit feststeht, halleluja." (Alfred Kerr: "Wo liegt Berlin?" Briefe aus der Reichshauptstadt" Bd.1, Hrsg. Günther Rühle (Berlin): Aufbau-Verlag o.J. (ca. 1995), S.538). Interessant ist auch der diesbezügliche Passus im Brief vom 31.12.1899: "In Berlin wird die Frage viel erörtert, ob es richtig ist, den Anbruch eines neuen Jahrhunderts überhaupt zu feiern. Ich möchte nach Theodor Fontanes Art zur Antwort geben. "Ja und nein" Nämlich erstens ist es angenehm und freudevoll, eine neue zweite Ziffer in der Datierung zu begießen; besonders wenn es mit Sekt geschieht. Zweitens aber ist ein arithmetisches Jahrhunder bekanntlich kein notwendiger Abschnitt." (ebenda , S. 543). Interessanter noch sind freilich Kerrs geschichtlich-politische und progressive Betrachtungen an dieser Stelle. Aber sie würden unsere Thematik sprengen.

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Zuletzt inhaltlich überarbeitet: 000819 und 061212.